Berlin ist nicht nur Start-Up

Innerhalb der FDP Berlin setzt sich Jörg Kleis für das Thema „Wirtschaft“ ein. Wir sprachen mit ihm über die Innovationskraft Berlins, Potentiale und die Relevanz von Start-Ups.

 

Herr Kleis, Sie setzen sich innerhalb der FDP Berlin für Berlin als Wirtschaftsstandort ein. Berlin ist traditionell nicht unbedingt bekannt für Wirtschaftskraft, sondern eher für Politik, Kreativität und Facettenreichtum der Lebensstile. Wie sehen Sie Berlin?

Jörg Kleis: Benedict Neff titelte kürzlich in der NZZ „Berlin ist halt doch ein bisschen wie Afrika“. Es ging um die Berliner Verwaltung. Das fand ich ganz witzig. Bei allem Frust darf Berlin aber niemals nur für Wirtschaftskraft bekannt sein. Gerade Kreativität und Facettenreichtum sind höchst erstrebenswerte Attribute. Sie sind Ausdruck einer offenen Gesellschaft.

 

Welche Vorteile hat es aus Ihrer Sicht, in Berlin unternehmerisch tätig zu werden?

Das kommt ganz darauf an, welches Business man betreiben will. Die „ach so günstigen Büromieten“ – das war jedenfalls einmal. Wir haben uns mit unserer Firma kürzlich nochmal den Markt angeschaut und nicht schlecht gestaunt; dabei ging es wohlgemerkt um Treptow und Lichtenberg. Berlin kann aber einen unschätzbaren Vorteil haben, wenn man als skalierbares Startup viele neue gut ausgebildete Mitarbeiter braucht oder wie so mancher DAX-Konzern hier aus Marketing- oder Strategiegründen einen kreativen Ableger ansiedelt. Berlin verfügt über einen qualitativ hochwertigen „Talent Pool“. Ein weiterer Vorteil kann tatsächlich auch die Nähe zur Politik sein. Verbände richten auch regelmäßig branchenspezifische Veranstaltungen aus. Ich behaupte, dass sich das Netzwerken so leichter als anderswo gestaltet.

 

Das Lohnniveau in Berlin ist nicht gerade Königsklasse. Tun Berliner Unternehmen genug, um Fachkräfte zu binden?

Zunächst hat unsere Wirtschaftsstruktur als Stadtstaat mit einzigartiger Geschichte wenig mit der im Süden und dem dortigen Lohnniveau gemein. Fakt ist aber auch, dass der Hauptgrund für eine Kündigung gar nicht der Lohn, sondern der direkte Vorgesetzte ist. Es folgen das Team und der Job an sich und danach erst kommt das Gehalt. Wo Berliner Unternehmen den Malus beim Lohnniveau ausgleichen können, ist bei den nicht-finanziellen Anreizen. Es gibt bei uns ja Firmen mit Pizza-Fridays und Sabbaticals im Angebot, die sich in Kitas einkaufen und Home Office anbieten. Die Richtung stimmt also. Aber es bleibt Stückwerk. Ich gehe gerne einen Schritt weiter und streite für den 6-Stunden-Arbeitstag.

Gestatten Sie mir noch eine grundsätzliche Bemerkung: Leider spielt eine progressive, moderne Unternehmenskultur in Berlin und ganz Deutschland eine viel zu geringe Rolle. Unsere Unternehmenskultur ist weiterhin geprägt von Subordination, von einer Hingabe an die Autorität. Themen wie Transparenz, wie Leadership, wie Ownership – die müssen auf den Tisch. Ein Wir statt Gier. Götz Werner hat mal gesagt: „Was ist der Unterschied zwischen einem Manager und einem Mittelständler? Der Manager macht die Dinge richtig. Der Mittelständler macht die richtigen Dinge.“ Das unterschreibe ich sofort. Aber wir brauchen neue Leitlinien. Unternehmen sind wandelbare Organismen. Sie müssen diese Dinge aus sich heraus entwickeln. Das können sie auch.

 

Start-Ups hier, Start-Ups da. Alle reden von Start-Ups. Allerdings gibt es viele junge Leute, die beim ersten Anlauf mit ihrer Idee scheitern. Die FDP fordert explizit die Einführung eines Faches „Wirtschaft“, um unternehmerischem Denken einen Platz in deutschen Schulen einzuräumen. Eine gute Idee?

Ja, das mit den Start-Ups stimmt. Der fast schon inflationäre Gebrauch des Wortes ist schwierig. Politiker reden halt gerne von Start-Ups, weil der Begriff positiv besetzt ist. Peinlich wird es aber, wenn sie keine Ahnung haben. Wichtig ist: Berlin ist nicht nur Startups. Auch hier gibt es Hidden Champions, traditionsreiche Mittelständler, Familienunternehmen und viele Einzelkämpfer, Meister und Freelancer. Unternehmen sind stets auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Deshalb haben wir in Berlin auch Ullrich und Eurogida, kleine Agenturen und Venture Capital finanzierte Startups.

Aber zurück zu Ihrer Frage: Die Idee eines Faches „Wirtschaft“ ist sogar eine sehr gute, weil sie die Mündigkeit junger Menschen im Alltag fördert. Das macht sie auch zu einer zutiefst liberalen Forderung. Wie viele wissen nicht, wie eine Finanzierung funktioniert oder was die Kündigungsfrist in ihrem Handyvertrag bedeutet? Ich bin aber skeptisch, ob das Fach überhaupt Auswirkungen auf Gründungen nach der Schulzeit hat. Dafür braucht es etwas ganz anderes, nämlich Offenheit zur Selbstständigkeit im Allgemeinen in Deutschland. Ich bin bis heute in unserem Familienunternehmen im Rheinland aktiv. Die einzigen, die nicht die Augenbrauen hochgezogen haben, als ich sagte, dass ich eine eigene Firma gründe, waren meine Eltern und meine Geschwister. Jedes Mal, wenn ich aus einem Land wie Ghana oder Kenia mit so viel unternehmerischem Drive zurückkomme, staune ich wie saturiert wir in Deutschland geworden sind. Auf Berlin trifft das wohlgemerkt nicht zu. Und immer mehr Menschen stehen dem Scheitern offen gegenüber. Das ist gut.

 

Was müsste aus Ihrer Sicht getan werden, um Berlin als Wirtschaftsstandort noch attraktiver zu machen?

Definitiv eine digitale Verwaltung. Letztens haben wir einen Brief vom Finanzamt bekommen, um die Ummeldung unseres Büros zu bestätigen. Eigentlich hatten wir das Finanzamt bereits informiert. Das Ausfüllen, das Frankieren und Absenden von solchen Briefen hört sich nach wenig an. Aber wenn Kunden deine höchste Priorität sind, findest du sowas einfach nur lästig. Generell werden Städte in Zukunft nur attraktive Wirtschaftsstandorte bleiben, wenn sie zugleich attraktive Lebensräume sind. Gerade weil Berlin ein attraktiver Lebensraum ist, ist Berlin auch grundsätzlich ein attraktiver Wirtschaftsstandort. Deshalb ist es auch so wichtig, dass Berlin sich als Metropolregion versteht, groß denkt, groß plant und auch in Zukunft Platz für alle hat. Wir werden bald 4 Millionen, ob es der Senat will oder nicht.

 

Eine letzte Frage: Was waren die drei kreativsten unternehmerischen Ideen, die Ihnen in letzter Zeit in Berlin über den Weg gelaufen sind?

Nicht superkreativ aber aus ökologischer Sicht hinfällig, die BVG mit dem BerlKönig. Dann polyteia, eine Software für Gemeinden und Stadtverwaltungen. Die leisten wirklich Graswurzelarbeit. Und zuletzt Komoot für Wander- und Fahrradrouten rund um Berlin und Brandenburg am Wochenende.

 

 

Die Fragen stellte Eva Britsch, FDP Berlin