Das Auto und Berlin: Die Zukunft wird abgefahren

Berlins FDP-Chef Christoph Meyer findet die Entscheidung für Dieselfahrverbote fatal. In einem Gastbeitrag für die Berliner Morgenpost blickt der Bundestagsabgeordnete auf den Stdtverkehr der Zukunft.

Der Berliner Senat hat grünes Licht für Dieselfahrverbote in der Hauptstadt gegeben. Diese Entscheidung ist fatal für die Hauptstadt. Denn die Antworten auf die Zukunft des Autos sollten nicht ideologisch, sondern technologisch gegeben werden.

Lange Staus gehören zu Berlin, aber auch zu jeder anderen Großstadt. Verkehr ist eine der großen Herausforderungen für die Metropolen von New York bis Sao Paolo. Mehr Autos, mehr Verkehr, mehr Feinstaubbelastung? Klingt wie ein logischer Dreiklang und führt zumindest im Berliner Senat dazu, dass unter Federführung der Grünen daraus eine Gleichung gestrickt wird. In der Summe und in aller Konsequenz könne das nur die Abkehr vom eigenen Auto heißen. Die Antworten: Lastenfahrrad, Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, die Gesinnung: urbanes Leben und Auto, das passt nicht mehr zusammen.

Ist die Zeit des Großstadtautos wirklich vorbei? Das ist die Frage, die im Raum steht. Es darf zumindest bezweifelt werden, dass die Gesellschaft ein Interesse daran hat, sich in ihrer Mobilität einzuschränken. Geht es nach den Grünen in Berlin, aber auch auf Bundesebene, steht die Büchse der Pandora seit Jahrzehnten sperrangelweit offen. Autos, Kohle und Fleischverzicht. Alles für das Klima, alles für den Menschen.

Jedenfalls ist die Zeit des Autos noch lange nicht vorbei, die Rolle wird künftig jedoch womöglich eine andere sein. Was bringt es, wenn wir in Berlin die Leipziger Straße auf 269 Metern für Dieselautos sperren oder was bringt die Abkehr von der Kohle, wenn einen Steinwurf weiter, etwa die in Polen, weiterhin Kohle verstromen? Geht es um Pionierpolitik und Gesinnungsindoktrinierungen? Für das Weltklima und bessere Luft in der Hauptstadt bringt das alles herzlich wenig. Auch in Hinblick auf Mobilität und urbanes Leben steht die Gesellschaft vor komplett anderen Herausforderungen als uns die diese Entscheidung des Senats glauben machen will.

Alles auf Autopilot

Jetzt gerade spulen die ersten selbstfahrenden Autos Kilometer um Kilometer auf entsprechenden Teststrecken ab. Oder müsste nicht eher heißen Meile um Meile? Denn Deutschland scheint bei diesem Trend wieder nur hinterherzufahren. Da beginnen die Mobilitätsprobleme der Republik.

Nehmen wir an, dass das selbstfahrende Auto wirklich kurz vor der Marktreife steht, wie und wo wird es zum Einsatz kommen? Wenn wir heute damit beginnen, mehrere Produktgenerationen einer ganzen Industrie die Straße zu versagen, drängen wir die Autoindustrie mit aller Staatsgewalt ins Abseits. Ohne Dampfmaschine keine Industrialisierung, ohne Computer kein Internet, ohne Forschung keine Entwicklung. Auch für die Zukunft des Autos wird es darauf ankommen, dass die Zukunftswege entsprechend offen gehalten werden. Nehmen wir an, durch das urbane Berlin fahren 2030 autonome Fahrzeuge, elektronisch oder gar mit Wasserstoff. Die fragwürdige Feinstaub-Debatte wäre längst ins Archiv entsandt worden und noch immer kann sich jeder ein Auto unterhalten, sofern der Wunsch danach besteht.

Und es geht weiter: Dazu könnten wir darüber debattieren, ob der Halter nicht doch mit Freunden feiern und trinken, sich aber dann vom eigenen Autopilot heimfahren kann. Ob der Fahrer noch eingreifen kann, wie Algorithmen Gefahrensituationen bewerten oder wie sich das Versicherungswesen verändern wird, wenn es nur noch Halter, aber keine Fahrer mehr gibt. Das sind doch die Fragen, mit den wir uns in Zukunft zu befassen haben.

Wie gut sich Selbstfahrer und autonome Vehikel im Straßenverkehr verstehen werden, diese Frage ist bislang komplett offen. Gibt es eine Entweder-Oder-Regelung? Können beide koexistieren? Bei den autonomen Fahrzeugen scheint die Lage klar: Die Systeme kommunizieren miteinander und agieren und reagieren je nach dem jeweiligen Signal, welches der andere Algorithmus gibt. Der Mensch wäre in dieser Gleichung die große Unbekannte. Denn unser größter Vorteil gegenüber Maschinen ist zugleich unsere größte Schwäche. Wir sind ständig versucht, das Unerwartbare zu probieren.

Das ist übrigens auch einer der Motoren, die Innovation möglich machen: Das Unerwartbare ist oft das, was sich überm Tellerrand befindet. Bei Maschinen ist das anders: Die machen oft das, was man ihnen vorher gesagt hat und entwickeln Szenarien auf Grundlage von blitzschneller Datenanalyse, nach denen sie sich verhalten. Maschinen sind also echte Praktiker. Roboter kennen beispielsweise aber kein Bauchgefühl.

Wer weiß, womöglich schlagen wir schon 2050 die Hände überm Kopf zusammen, weil wir uns fragen, wie es denn bitteschön passieren konnte, dass wir Autos über Jahrzehnte selbst gesteuert haben, dass wir mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde über die Autobahn gefegt sind. Aber vielleicht sitzen wir in Hybrid-Autos, in denen in der Stadt der Autopilot fährt und auf der Autobahn der Mensch übernimmt, weil er dort angemessener reagieren kann als die Maschine. Wir wissen das alles heute noch nicht.

Schnelle Netze, reflektierende Leitplanken

Damit das allerdings funktionieren kann, braucht es neben entsprechender Infrastruktur auch die Akzeptanz für Technologie. Autonome Fahrzeuge werden nur mit anderen Teilnehmern kommunizieren können, wenn der Datenaustausch schnell von A nach B gelangt. Wenn das Netz schwach ist, die Maschinen nicht mit Informationen gefüttert wird, ist sie quasi handlungsunfähig oder verharrt in der Handlung, die sie zum Zeitpunkt der letzten Datenübertragung ausgeübt hat. Wenn das Auto geradeaus fährt und in 100 Metern eine dicke Betonwand steht, ein denkbar ungünstiges Szenario.

Tragisch hierbei ist, dass wir in Deutschland im Allgemeinen und in Berlin im Besonderen zu wenig Vorbereitungen dafür treffen, dass die neue Technologie sich wirklich auch bei uns voll entfalten wird und für neue Geschäftsmodelle sorgt, von denen wir heute vielleicht noch gar nicht wissen. Der Zeitgeist begnügt sich damit, dass die Technologie und die Dinge, wie sie heute sind, abzulehnen und sie mit Verboten zu überziehen. Sichert man so Fortschritt?

Alles kann, nichts muss

Klar ist, dass wir in Sachen Mobilität der Zukunft lediglich in Szenarien denken können. Wie sich das selbstfahrende Auto künftig entwickelt, ob es neben Selbstfahrern koexistieren kann, ist noch nicht beantwortet. Allerdings werden durch Fahrverbote heute die Grundlagen dafür geschaffen, dass wir uns eher vom Auto verabschieden anstatt nach neuen Wegen der Mobilität zu suchen.

Das wiederum ist ein Szenario, das unsere Gesellschaft nicht voranbringen wird. Verzicht hat zu allen Zeiten nicht zu Fortschritt, sondern zu Stillstand geführt. Wir tun heute gut daran, denen Generationen, die nach uns folgen, so viele Optionen wie möglich zu hinterlassen.

26.07.2019